In Mohács, einer südungarischen Stadt an der Donau, findet jedes Frühjahr das spektakuläre Busójárás statt – ein sechstägiges Fest, das Winteraustreibung, Fruchtbarkeitsrituale und Karnevalstraditionen miteinander verbindet. Der Höhepunkt ist der farbenfrohe Umzug der Busós, furchteinflößend maskierter Männer in Schafsfellen, begleitet von temperamentvoller Musik, duftenden Leckereien und ausgelassener Stimmung. Jährlich lockt dieses einzigartige Ereignis rund 100.000 Besucher an.
Februar
Die Tradition des Busójárás hat ihren Ursprung bei der kroatischen Minderheit von Mohács, den Šokci (Schokatzen). Der Legende nach flohen sie vor den Osmanen in die Sümpfe auf der linken Donauseite.
Eines Nachts überquerten sie mit Booten die Donau und vertrieben die osmanischen Truppen mit blutbeschmierten, furchteinflößenden Masken und lautem Lärm.
Historisch belegt ist jedoch, dass die Šokci erst nach der osmanischen Herrschaft im 17. Jahrhundert nach Mohács kamen und vermutlich den Brauch mitbrachten. Was einst ein Haus-zu-Haus-Ritual war, entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts zu einem öffentlichen Straßenumzug. Die charakteristischen Busó-Masken wurden dabei fester Bestandteil der Verkleidungen. Nach einer Unterbrechung während des Zweiten Weltkriegs belebte die kommunistische Führung den Karneval als folkloristisches und unpolitisches Ereignis neu. Seit den 1960er-Jahren wuchs die Veranstaltung stetig. Im Jahr 2024 nahmen bereits 2500 Menschen in 71 Gruppen teil – darunter nicht nur Šokci, sondern auch Ungarn, Ungarndeutsche und Serben.
Der Zug der Busós beginnt am Donnerstag vor Aschermittwoch und erreicht seinen Höhepunkt am Sonntag. Die verkleideten Gestalten setzen mit Ruderbooten von Újmohács nach Mohács über und ziehen dann in einem großen Umzug mit geschmückten Wagen vom Šokci-Viertel zum Hauptplatz der Stadt. Dabei verteilen sie Wein, Schnaps und Faschingskrapfen und „entführen“ Frauen aus der Zuschauermenge – alles in humorvoller Absicht.
Am Nachmittag wird ein symbolischer Sarg, der den Winter repräsentiert, über die Donau gelassen, bevor nach Einbruch der Dunkelheit ein großes Feuer im Stadtzentrum entzündet wird. Der Tanz um das Feuer, begleitet von traditioneller Tambura- und Sackpfeifenmusik, ist ein weiteres Highlight. Am Montag ziehen die Busós durch das ehemalige Šokci-Viertel, um mit Freunden und Familien zu feiern. Den Abschluss bildet am Dienstag die symbolische „Beerdigung des Faschings“ mit der Verbrennung des Sarges.
Zentrale Figuren des Busójárás sind die namensgebenden Busós. Sie tragen geschnitzte Holzmasken, Schafsfelle, Opanken und weite weiße Hosen. Die Masken werden von spezialisierten Maskenschnitzern hergestellt, von denen jeder in seinem eigenen Stil arbeitet. Junge Frauen verkleiden sich als „schöne Busós“ (lipe buše) und tragen traditionelle Šokci-Trachten mit verschleierten Gesichtern. Neben ihnen treten auch Jankele, meist Jungen in Lumpen, auf, die mit Beuteln voller Asche oder Mehl die Zuschauer necken.
Das Busójárás ist heute weit mehr als ein Karneval. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt, bei dem die Busógruppen das ganze Jahr über die Themen des Umzugs besprechen, Aufgaben verteilen und ihre Kostüme anfertigen. Dies stärkt nicht nur den Zusammenhalt der Stadtgemeinschaft, sondern bewahrt auch die handwerklichen und kulturellen Traditionen.
Seit 2009 gehört das Busójárás zur Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO.
Ein fast alltäglicher Keramikkrug in Form eines Hahns, zu finden in vielen Haushalten in der Ukraine, ist zu einem Symbol des ukrainischen Widerstands geworden. Spätestens als Boris Johnson, der ehemalige Premierminister des Vereinigten Königreichs, im April 2022 bei einem Staatsbesuch einen solchen Keramikhahn als Gastgeschenk bekam, begann der Krug eine ganz andere Geschichte als die seiner Herstellung zu erzählen.
In der Majolika-Fabrik in Wassylkiw, südwestlich von Kiew, wurden diese Keramikkrüge in großer Zahl hergestellt. Jahrhundertelang galt die Stadt als Zentrum der Keramikherstellung, bis die Produktion 2019 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt wurde.
Seine Berühmtheit verdankt der Hahn einem Foto, aufgenommen von der Fotojournalistin Yelvzaveta Servatynska. Das Foto zeigt einen unversehrten Küchenschrank, der den verheerenden Bomben- und Granatenbeschuss in Borodjanka, 55 km nordwestlich von Kiew, überraschenderweise überlebt hatte. Das Bild ging viral und wurde schnell zum Symbol des ukrainischen Widerstands. Doch nicht nur der Schrank war auf dem Foto zu sehen – aufmerksamen Betrachtern fiel eine Keramikfigur in Form eines Hahns auf, die offenbar intakt oben auf dem Schrank thronte. Verstaubt, aber nicht zerstört, symbolisiert sie die Widerstandsfähigkeit der ukrainischen Bevölkerung.
Der Hahn ist in der ukrainischen Folklore ohnehin ein symbolträchtiges Tier: Er steht für Feuer und Kampfeslust. Sein Krähen vertreibt die bösen Geister der Nacht und kündigt die Wiedergeburt des Lichtes an. Das Foto diente als Vorlage für ein Poster, welches Hahn und Küchenschrank zeigt. In großen Lettern steht auf dem Plakat "тримаймося" – ein Wort, das man seit 2022 in der Ukraine immer öfter hört. Übersetzt ins Deutsche heißt es „Lasst uns durchhalten“.
Das Gebäude bzw. die Ruine, in dem der Küchenschrank stand, drohte einzustürzen. Aber aufgrund der großen Strahlkraft des Bildes und seiner Symbolik wollte man das Mobiliar samt Hahn vor der Zerstörung retten. Mit der Erlaubnis der Wohnungseigentümerin wurde der Schrank sorgfältig demontiert. Jedes Detail wurde erhalten – bis hin zu den Schrauben, mit denen der Schrank an der Wand befestigt war. Mit einer Drohne wurde auch die Umgebung, die Gebäuderuine und die Wand mit dem Schrank dokumentiert, um ein 3D-Modell zu erstellen. Mitarbeiter des Maidan-Museums sammelten weitere Objekte aus den Ruinen und befragten die Bewohner der benachbarten Häuser.
Diese Art der Dokumentation war die erste systematische Musealisierung von Objekten, die mit der Geschichte des russischen Angriffs in Verbindung stehen.
Die Tragödie in Borodjanka begann mit der Schlacht um Kiew im Februar 2022. Diese Stadt, zusammen mit Irpin, Butscha und Hostomel, gehörte zu den Orten, die während des Konflikts besonders heftig umkämpft waren. Als die russischen Streitkräfte Anfang April das Gebiet verließen, wurden viele Todesopfer unter der Zivilbevölkerung entdeckt. Diese Funde lieferten erschreckende Beweise für Kriegsverbrechen, darunter zahlreiche Menschen, die hastig in Massengräbern beigesetzt worden waren. Die internationale Presse berichtete schockiert über das Massaker in Butscha. Kurz darauf kamen auch die entsetzlichen
Gräueltaten in Borodjanka ans Licht, die die Zivilbevölkerung nicht nur dort erlebt hat.
„Von den Nachbarn sind fast alle gestorben, von denen, die ich kannte, sind fast alle gestorben. Ein Stück weiter, an der Hauptstraße, wohnte meine Tante. Sie wurde noch nicht einmal gefunden. Es werden einige DNA-Tests durchgeführt. Sie haben ein Stück menschliche Wirbelsäule gefunden und gesagt, es sollte zu einer älteren Person gehören. Also haben wir unsere DNA-Proben abgegeben. Aber wir wissen es noch nicht. Auch einige Kinderknochen wurden dort gefunden.“
(Aus einem Interview auf der Webseite des Museums of Civilian Voices)
Vielen Dank an das Maidan-Museum für die Bereitstellung des Foto- und Videomaterials.
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