Atlantis der Donau

Die Zigarettenschachtel mit dem Namen „Ada Kaleh“ erinnert an einen Ort, der heute auf keiner Landkarte mehr zu finden ist. Die kleine Insel Ada Kaleh lag nahe Orșova, in der Nähe des Eisernen Tors, und war aufgrund ihrer strategischen Lage über Jahrhunderte hart umkämpft. Sie wechselte wiederholt zwischen der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich, denn wer die Insel kontrollierte, beherrschte die untere Donau.

2025

Juli

Zigarettenschachtel

Datierung: zwischen 1957 und 1961

Material: Blech

Maße: 7 x 8,5 x 1,5 cm

Herstellungsort: Ada Kaleh, Rumänien

Sammlung: Privat

Im 19. Jahrhundert verlor die Insel ihre militärische Bedeutung. Als die Grenzen Europas 1878 auf dem Berliner Kongress neu geordnet wurden, blieb die Insel übersehen. Obwohl die Region unter österreichisch-ungarischer Kontrolle stand, blieben die Bewohner Untertanen des türkischen Sultans. Diese besondere Stellung brachte den Bewohnern Steuer- und Zollfreiheit sowie Befreiung vom Militärdienst. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde Ada Kaleh Teil Rumäniens.

Die Menschen lebten bescheiden.

Sie verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Handel von Tabak und Kaffee, der Herstellung von Lokum und Rosenöl, dem Obst- und Gemüseanbau sowie durch Fischerei oder Fährdienste. Besucher berichteten von malerischen Gassen, exotischen Düften und dem bunten Leben der Basare. 1931 verlieh König Carol II. der Insel wirtschaftliche Privilegien, was zu einem Aufschwung führte.


Der Imam Ali Ahmet schrieb 1934:

„Es folgen in engen, malerischen Gassen die verschiedenen Läden, orientalische Basare, Rahat-Fabriken, Restaurants und Kaffeehäuser.“ Neben einer Grundschule gab es auch eine Berufsschule, in der Mädchen Teppichknüpfen lernten. Der Sportplatz am Inselende war ein Treffpunkt für die Jugend. Der Imam erwähnte zudem gesellschaftliche Veränderungen: „Der Fes verschwand von den Köpfen der Männer, und der Schleier, der einst die Gesichter der Frauen bedeckte, wurde ebenfalls abgelegt.“

Der ortsansässige Geschäftsmann Ali Kadri förderte sowohl das Wirtschaftsleben als auch den Tourismus. Besonders berühmt war seine Zigarettenfabrik, deren Produkte sogar von der englischen Königsfamilie geschätzt worden sein sollen.


Doch nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich alles. Unter dem kommunistischen Regime Rumäniens wurden mehrere Familien von Ada Kaleh in die Bărăgan-Steppe deportiert. Auch die Zigarettenfabrik wurde verstaatlicht, wobei die Qualität der Produkte sank. Gleichzeitig erlebte die Insel eine Phase staatlich gelenkten Tourismus, der ab den 1960er-Jahren wieder aufblühte.


1964 wurde der Bau des Staudamms am Eisernen Tor beschlossen, der die Überflutung der Insel unausweichlich machte. Die Bewohner mussten umsiedeln, viele in die Türkei, manche blieben in Rumänien. Einige Gräber und Artefakte wurden auf die nahegelegene Insel Șimian verlegt. Für die Menschen war der Verlust der Heimat ein bis heute nicht überwundenes, schmerzhaftes Kapitel. Bis 1971 wurde Ada Kaleh vollständig von den Fluten der Donau überschwemmt

Eine Bluse als Symbol für den Tourismus Bulgariens der 70er Jahre

Im Jahr 1970, als Bulgarien noch ein Geheimtipp für Reisende war, besuchte Albertine das Land zum ersten und einzigen Mal. Die Reise führte sie in die Rhodopen, wo sie und ihr zukünftiger Ehemann, ein Slawist mit Leidenschaft für slawische Länder, ein Skigebiet erkundeten. Die Organisation des Urlaubs von Deutschland aus war zu damaliger Zeit eine Herausforderung und die Hotelsuche konnte nur über die Bulgarische Vertretung in Berlin erfolgen. Diese Reise wurde zum Beginn einer tiefen Verbundenheit mit der bulgarischen Kultur.

2024

Juli

Bestickte Bluse aus Bulgarien

Bestickte Bluse aus Bulgarien
Datierung: 1970 gekauft
Material: Seide
Erworben: Rhodope, Bulgarien
Sammlung: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen

Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Museum Europäischer Kulturen / Christian Krug

In einem liebevoll gestalteten Souvenirladen erstand Albertine diese Bluse. Sie zeichnete sich durch exquisite Handarbeit, feine Stickereien und lebendige Muster aus, die aus der bulgarischen Volkskunst entstammten. Die Bluse war nicht nur für bulgarische Verhältnisse, sondern auch im Vergleich zu deutscher Kleidung, hochpreisig. Als Wertschätzung der hohen Qualität trug Albertine die Bluse nur zu besonderen Anlässen. Jedes Mal, wenn sie das Kleidungsstück trug, erinnerte sie sich an die Reise durch beeindruckende Landschaft und die Begegnung mit herzlichen Menschen. Nach über 50 Jahren in Albertines Besitz ging die Bluse nun in die Sammlung des Museums Europäischer Kulturen über. Sie war einst ein teures Souvenir und erzählt heute von der aufkeimenden bulgarischen Tourismusbranche der 1970er Jahre.

Bulgarische Stickerei

In dieser Zeit erlangte die Bulgarische Kommunistische Partei die Erkenntnis, dass der Tourismus ein Dreh- und Angelpunkt der Wirtschaft werden könnte. Mit großer Initiative trieb sie den Ausbau von Wintersportanlagen in den Bergen und die Erschließung von Touristenzentren entlang der Küstenstriche voran, was weltweit Aufmerksamkeit erregte. Maßnahmen wie kostenloser Gesundheitsschutz für Ausländer, Visaerleichterungen und die Wiedereröffnung von historischen Klöstern zogen Millionen Touristen an – darunter viele aus dem Westen, die wertvolle Devisen mitbrachten. Ein wichtiger Aspekt für westdeutsche Besucher war die Möglichkeit, sich in Bulgarien mit Freunden und Verwandten aus der DDR zu treffen – ein seltener Moment des Wiedersehens in einer geteilten Welt.

Trotz der wirtschaftlichen Erfolge brachte der Tourismusboom auch Herausforderungen mit sich, die von der Kommunistischen Partei Bulgariens nicht unbeachtet blieben. Es bestand die Befürchtung, dass westliche Besucher zugleich ihre Ideologien mitbrächten, was das politische Gleichgewicht des Landes stören könnte. Die luxuriös ausgestatteten Hotels und die hochpreisigen Souvenirläden stellten einen Kontrast zur Lebensrealität der bulgarischen Bevölkerung dar, was die sozialen Unterschiede innerhalb des Landes umso stärker hervorhob. Dies wurde besonders durch den vorherrschenden Zwei-Klassen-Tourismus
verdeutlicht: Während ausländische Gäste in erstklassigen Hotels logierten, waren für die bulgarischen Bürger lediglich einfachere Ferienlager vorgesehen.