Die digitale Plattform Religioskop, betrieben vom Historischen Museum von Bosnien und Herzegowina, bietet jungen Menschen und Kulturinteressierten Einblicke in das kulturelle und historische Erbe der vier monotheistischen Religionen des Landes.
Durch Recherchen in Museen, Gotteshäusern und Archiven wurden 100 Geschichten ausgewählt, die die Vielfalt, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der religiösen Gemeinschaften in Bosnien und Herzegowina beleuchten.
Eine dieser Geschichten handelt von der Blagaj-Tekija, einem historischen Derwisch-Kloster.
Juni
Datierung: um 1900
Material: Papier
Maße: 9x13 cm
Bezugsort: Blagaj, Bosnien und Herzegowina
Sammlung: Historisches Museum von Bosnien und Herzegowina, Sarajevo
Die Blagaj-Tekija liegt an der Quelle des Flusses Buna, einem Naturwunder, das aus einer Höhle unter einem 200 Meter hohen Felsen entspringt. Umgeben von beeindruckender Natur wurde die Tekija um 1520 erbaut. Sie verbindet Elemente der osmanischen Architektur mit mediterranem Stil und gilt heute als nationales Denkmal.
Der Komplex umfasst neben der Tekija auch ein Gästehaus, Gräber und Mühlen. Er spielte eine zentrale Rolle in der Urbanisierung von Blagaj. Die Mühlen versorgten die lokale Bevölkerung mit wichtigen Gütern, während die Musafirhana (das Gästehaus) Reisenden als Unterkunft diente. Gleichzeitig entwickelte sich die Tekija zu einem bedeutenden kulturellen und sozialen Zentrum.
Das Herzstück der Tekija ist die Semahana, ein großer Raum, der mit Teppichen ausgelegt ist. Hier versammeln sich die Derwische zum Gebet und für den Zikr, die Lobgesänge zur Verehrung Gottes und seiner Namen. Ein Mihrab (Gebetsnische) markiert die Gebetsrichtung. Die weitere Räume fügen sich harmonisch in die Struktur des Komplexes ein.
Die Architektur der Tekija fügt sich in den Glauben und die Kosmologie der Sufi-Derwische ein. Dieser besagt, dass die umgebende Natur ein Teil des Gesamtkonzepts der Gottesverehrung ist und somit auch einen integralen Bestandteil der Tekija darstellt. Die Tekija ist von einzigartiger Vegetation und einer charakteristischen Tierwelt umgeben.
Die Gestaltung der bosnischen Tekijas wird vor allem durch sieben Grundsätze bestimmt: das Haus, die Treppe, das Wasser, der Felsen, die Flussquelle, das Grabmal und die Höhle. Diese sieben Elemente sind über einen Pfad in einer kosmologischen Ordnung miteinander verbunden
Die Tekija ist eng mit lokalen Legenden verbunden. Eine Erzählung berichtet von einem Drachen, der in der Höhle der Buna hauste. Um ihn zu besänftigen, opferte das Volk jedes Jahr ein junges Mädchen. Als die schöne Milica, Tochter des Herzogs Stjepan, geopfert werden sollte, erschien der Derwisch Salih aus Syrien, verliebte sich in sie und besiegte den Drachen mit übermenschlicher Kraft. Aus Dankbarkeit ließ der Herzog die Tekija an der Stelle des Sieges über den Drachen errichten.
Einer zweiten Legende zufolge ritt eines Abends ein alter Mann mit weißem Bart, auf einem weißen Pferd und in grüner Kleidung durch den Basar von Blagaj. Von dort aus begab er sich zur Quelle der Buna. Doch auch nachdem die Bewohner das Abendgebet verrichtet hatten, kehrte der alte Mann nicht zurück. Sie suchten ihn überall, doch ohne Erfolg. In dieser Zeit stieg die Buna so hoch an, dass ein Überqueren unmöglich wurde. Schließlich glaubten die Menschen, der alte Mann sei ein Heiliger gewesen, der auf geheimnisvolle Weise verschwunden war. Zu seinem Gedenken errichteten sie an der Quelle der Buna ein Türbe und eine Tekija.
Die Blagaj-Tekija ist nicht nur ein Ort der Spiritualität, sondern auch ein Symbol der Harmonie zwischen Mensch, Natur und Religion. Ihre Bedeutung reicht über den lokalen Kontext hinaus, da sie seit Jahrhunderten Pilger, Reisende und Besucher aus aller Welt anzieht. Als eines der wichtigsten Kulturgüter Bosniens vermittelt die Tekija ein tiefes Verständnis für die reiche Geschichte, die religiösen Traditionen und die kulturelle Vielfalt der Region.
Der serbische Comiczeichner und Autor Aleksandar Zograf streift mit einem besonderen Blick durch die Stadt in der er aufgewachsen ist.
„Die Schatten der Vergangenheit hängen über dieser Stadt: Jahrhunderte lang war Pančevo abwechselnd unter ungarischer, osmanischer und österreichischer Herrschaft, bis es 1918 Teil Serbiens wurde. Die moderne Stadt entstand im 18. Jahrhundert durch den Zusammenschluss von serbischen und deutschen Stadtteilen. Zu dieser Zeit schienen diese beiden kulturell und religiös weit voneinander entfernten Einheiten auf dem Weg zu einer friedlichen Koexistenz zu sein.“
„Ich kann mir vorstellen, wie sie 1906 gemeinsam die verrückten Spektakel, das Gastspiel von Buffalo Bills Zirkus besuchten - aus meinem Fenster blicke ich auf das Gelände der Glasfabrik, das damals noch eine Wiese war, auf der man das riesige Zelt aufgebaut hatte..."
In einer Welt, in der Tiefgründigkeit oft zu kurz kommt, wandelt Aleksandar Zograf als ein wahrer Meister der Beobachtung. Wenn er durch die Straßen von Pančevo und den Metropolen der Welt streift, offenbart sich ihm auf Flohmärkten und in den Seiten vergilbter Bücher auf fast magische Weise die Schönheit der kleinen Dinge. Die Objekte, die er entdeckt und beobachtet, hat er nie besessen, nie liebevoll behütet oder aufbewahrt. In seiner Hand werden sie zu Kunstwerken, die die Erinnerungen in Ehrfurcht bewahren.
Seine Comics sind Reflexionen dieser poetischen Wahrnehmungen. Die Geschichten haben einen ethischen Kern, der eine Welt entstehen lässt, die uns alle gehören kann.
Hinter dem Namen Aleksandar Zograf verbirgt sich Saša Rakezić, ein weltweit anerkannter serbischer Comiczeichner und Autor, der in Pančevo aufwuchs und dort bis heute lebt und arbeitet. Sein Künstlername, inspiriert von der orthodoxen Ikonographie, spiegelt sein Schaffen wider: Als „zografos“, der Maler und „grafos“, der Schreiber, erzählt er vom „zoi“, dem Leben.
„Im Jahr 1944 vertrieb die neue Macht die gesamte deutsche Bevölkerung aus dem Land und beschlagnahmte ihr Eigentum. Die verantwortlichen für die Gräueltaten verließen das Land mit den Nazi-Truppen, und die Folgen hatte das einfache Volk zu tragen...
Nach dem Krieg entwickelte sich Pančevo zu einem Industriezentrum. Die sozialistische Regierung interessierte sich nicht für Religion und baute eine riesige Ölraffinerie neben dem Kloster Vojlovica aus dem 15. Jahrhundert. Die Raffinerie war 1999 ein häufiges Ziel von NATO-Bombardements.“
„Was ich gerade beschrieben habe, mag nicht sehr verlockend sein, aber ich bereue nicht, dass ich den Großteil meines Lebens hier verbracht habe. Die Welt ist voller spannenden Erlebnisse – jede Siedlung ist ein Mikrokosmos und als solcher verdient sie Respekt.“
Aleksandar Zograf begann seine Karriere in den 1980er Jahren. Als Jugoslawien auseinanderbrach, wandte er sich ernsten Themen zu, fühlte es als unmoralisch, in solch dunklen Zeiten heitere Comics zu zeichnen. Seine Werke widmen sich auch dem Krieg, dem Holocaust und dem Leben in einer zerrissenen Welt, um diese schweren Themen auch jüngeren Generationen nahezubringen. Als Protagonist seiner eigenen Comics erzählte er von seiner Verwunderung über den Hass zwischen einstigen Nachbarn, über das Leben in seiner bombardierten Heimatstadt.
Zograf steht nicht allein: Comics haben in Serbien eine lange Tradition, eine Leidenschaft, die in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens geteilt wird.
Mehr zu independent comics in Südosteuropa unter https://comixconnection.eu/
Comixconnection war ein Projekt der Koordinierung Ostmittel- und Südosteuropa am Museum Europäischer Kulturen.
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