Die Stiefel eines Tauschkindes


Die Stiefel gehörten Hieronymus Danninger, einem Bauernsohn aus dem nahezu ausschließlich von Deutschen bewohnten Dorf Kumbai/Kunbaja in der Batschka (Ungarn). Er erhielt sie 1929 als Hochzeitsgeschenk und trug sie an seinem Hochzeitstag als Bräutigam. Gefertigt und überreicht wurden die Stiefel vom ungarischen Schuhmacher György Vörös aus dem etwa zehn Kilometer entfernten Tataháza. Zu ihm bestand eine enge persönliche Verbindung: Hieronymus hatte dort zeitweise als sogenanntes „Tauschkind“ gelebt.

2026

November

Männerstiefel "Tschismen"

Datierung: circa 1928

Material: Leder, Metall

Maße: 42 x 11 x 28 cm

Herstellungsort: Tataháza, Ungarn

Sammlung: Donauschwäbisches Zentralmusem Ulm

Kindertausch als Bildungs- und Integrationspraxis

Der interethnische Kindertausch ist in Ungarn seit dem 16. Jahrhundert belegt. Familien unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit nahmen gegenseitig ihre Kinder für ein bis zwei Jahre auf, häufig über mehrere Generationen hinweg. Ziel war es, den Kindern das Erlernen einer als nützlich angesehenen Fremdsprache zu ermöglichen, sie mit anderen Lebensweisen, Wirtschaftsformen und Bräuchen vertraut zu machen sowie soziale Netzwerke zu knüpfen. Besonders verbreitet war diese Praxis zwischen ungarischen und deutschen Familien.

Im Fall der Familie Danninger ging die Initiative von Hieronymus’ Vater Mathias aus. Während des Ersten Weltkriegs hatte er in der ungarischen Armee Freundschaft mit György Vörös geschlossen. 1921 vereinbarten beide Männer den Austausch ihrer Söhne. Der elfjährige Hieronymus verbrachte ein Jahr bei der Familie Vörös im ungarischen Dorf, wo er seine Gasteltern als „Mama“ und „Papa“ ansprach. Sein jüngerer Bruder Johann folgte ihm später, hielt es jedoch nur ein halbes Jahr aus. Umgekehrt lebte Mihály Vörös, ein gleichaltriger Sohn des Schuhmachers, zwei Jahre bei der Familie Danninger.


Verbreitung und regionale Ausprägungen des Kindertauschs in Ungarn 

In den multiethnischen Regionen Ungarns vor dem Ersten Weltkrieg war die Institution des Tauschkindes allgemein bekannt. Vor allem wohlhabendere Bauern- und Handwerkerfamilien nutzten sie gezielt, um ihren Kindern mehrere Sprachen zu vermitteln. Besonders häufig kam es zu Kindertauschbeziehungen zwischen ungarischen und deutschen Gemeinden in Transdanubien. Kinder aus ungarischen Dörfern der heutigen Südwestslowakei wurden in deutsche Orte rund um Pressburg sowie in die Weinbaugebiete Nordungarns geschickt, während man im Gegenzug die Kinder deutscher Winzer und Bürger aufnahm. Im heutigen rumänischen Kreis Bihor tauschten ungarische und rumänische Bauern ihre Söhne, damit diese sowohl die Ackerbauwirtschaft der Tiefebene als auch die Viehwirtschaft der Bergregionen kennenlernten. Auch in Siebenbürgen schickten städtische ungarische Bürger und wohlhabende Szeklerbauern ihre Kinder „auf deutsche Sprache“ in sächsische Ortschaften.


Zur Herkunft der Bezeichnung „Tschismen“

Die bei den Donauschwaben gebräuchliche Bezeichnung „Tschismen“ (Plural) leitet sich vom ungarischen Wort csizma („Stiefel“) ab. Dieses wiederum stammt aus dem Osmanisch-Türkischen (çizme) und gelangte über serbisch-kroatische Vermittlung (čizma) ins Ungarische; seine erste schriftliche Erwähnung in Ungarn datiert aus dem Jahr 1492.

2025

November

Farbfoto

Umsiedlung und Einheitstracht

Das gezeigte Bild dokumentiert ein bedeutendes Kapitel der bessarabiendeutschen Geschichte und zugleich die politisch aufgeladene Symbolkraft von Kleidung. Im Vordergrund stehen fünf Frauen, von denen drei in Kleidung zu sehen sind, die wie eine Tracht wirkt: Schwarze Röcke, schwarze Mieder und weiße Blusen mit roten, gestickten Monogrammen. Im Hintergrund erkennt man Baracken und weitere Menschen.

Sarajevo auf der Europakarte

Datierung: 1940

Aufnahmeort: Belgrad - Zemun, Serbien

Sammlung: Plattform Fortepan, Budapest

Das Bild entstand 1940 in Zemun, einem Stadtteil von Belgrad, und gehört zu einer Fotoserie, die die Umsiedlung bessarabiendeutscher Gruppen dokumentiert. Aufgrund des deutsch-sowjetischen Umsiedlungsabkommens von 1940 entschieden sich rund 93.000 Bessarabiendeutsche zur Umsiedlung aus ihren etwa 150 Siedlungen im heutigen Süden der Republik Moldau und Teilen der Ukraine. Die Organisation der Aktion unter dem Motto „Heim ins Reich“ übernahm die SS-geführte Volksdeutsche Mittelstelle (VoMi).


Zwischen dem 2. und 25. Oktober 1940 wurden die Umsiedler mit minimalem Gepäck von 30 kg pro Person zu den Donauhäfen gebracht. Von dort ging es in Ausflugsdampfern etwa 1.000 Kilometer donauaufwärts nach Prahovo und Zemun, wo Durchgangslager eingerichtet wurden. Bei der Umsiedlung wurden behinderte und kranke Menschen von ihren Familien getrennt und in Sondertransporten in staatliche Einrichtungen im Deutschen Reich verbracht. Dort kamen sie teilweise im Rahmen der nationalsozialistischen Krankenmorde ums Leben.


Freiwillige Helfer, darunter viele Donauschwaben aus Jugoslawien, unterstützten die Neuankömmlinge. Die drei Frauen in der abgebildeten Kleidung sind Mitglieder des Schwäbisch-Deutschen Kulturbundes, einer Organisation der Donauschwaben. Ab den 1920er-Jahren gewannen nationalistische Strömungen Einfluss auf die Kleidungskultur. Insbesondere in Jugoslawien, wo traditionelle Kleidung vielerorts verschwand, propagierten nationalsozialistische „Erneuerer“ eine sogenannte Einheitstracht.

Sie zielte auf Uniformität und politische Symbolik ab – im Gegensatz zur ursprünglichen Vielfalt der Alltags- und Festkleidung

 Die Einheitstracht sollte schlicht und günstig herzustellen sein, um allen zugänglich zu sein, und glich in ihrem Design vermeintlichen traditionellen Trachten, war jedoch vereinfacht.


Body Map ainer überlebenden des Bosnien-Krieges

„Ich bin wie ein Phönix, und du?“

Dieses Zitat gehört zu einer Body Map, entwickelt von einer Frau, die in ihrem Leben kriegsbedingte sexuelle Gewalt erlebt hat. Das Bild entstand während eines Workshops, an dem Überlebende solcher Gewalt und Kinder, die in Folge solcher Gewalt geboren sind, teilnahmen.

Auf dem Papier erscheinen zwei große Gestalten, die den Körper einer Frau darstellen, die während des Bosnienkrieges Vergewaltigung erleiden musste. Dieses Bild ist ein Ergebnis der Kunsttherapie "Body-Mapping", die zur Bewältigung traumatischer Erlebnisse dient. Diese Form der expressiven Kunsttherapie verwendet den Körper als Ausgangspunkt, um Geschichten über persönliche Erfahrungen zu erzählen und um Widerstandskraft und Resilienz zu fördern.

2024

November

Body map

Sarajevo auf der Europakarte

Datierung: 2020

Material: Papier

Entstanden: Sarajevo, Bosnien und Herzegowina

Sammlung: Muzej ratnog djetinjstva, Sarajevo

Foto: Muzej ratnog djetinjstva, Sarajevo

Eine Body Map setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen, die von der linken oberen Ecke aus gegen den Uhrzeigersinn gelesen werden. Zuerst wird das Motto der Überlebenden als ein Symbol dargestellt, mit dem sie sich am meisten identifiziert. Danach folgen ihre Erinnerungen in chronologischer Reihenfolge und ihre Hoffnungen, repräsentiert durch ein passendes Symbol. Der zentrale Teil der Body Map besteht aus zwei Silhouetten: Der vordere Körper zeigt die medizinischen Folgen und Auswirkungen des Traumas auf der physischen Ebene, während der Schattenumriss die Namen aller Personen enthält, die den Überlebenden unterstützen. Die wichtigsten Erinnerungen aus verschiedenen Lebensabschnitten wie Kindheit, Jugend, Zeit des traumatischen Ereignisses und das heutige Leben werden um die Silhouetten herum in Schrift oder Zeichnung hinzugefügt.

Die Ausstellung "Speaking out" in Sarajevo

Jährlich wird am 25. November der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen begangen. In bewaffneten Konflikten sind Frauen und Mädchen besonders von Gewalt betroffen. Sexuelle Gewalt in Kriegen existiert bereits seit der Antike. Sie wurde lange nicht thematisiert und als „Kollateralschaden“ bei Kriegshandlungen hingenommen.


Bei Kriegshandlungen, ethnischen Säuberungen und jüngst bei Terrorangriffen wird sexualisierte Gewalt gezielt als militärisches Mittel, als Kriegswaffe eingesetzt. Im Bosnienkrieg, in Ruanda, in der Ukraine und in Israel wurden die Gräueltaten nach der gleichen Logik begangen.  Erst seit den Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg wird das Thema sexualisierte Kriegsgewalt auch auf juristischer Ebene behandelt. Im Jahr 2002 wurde sie am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag erstmals als eigenständiger Strafbestand anerkannt und 2008 durch eine UN-Resolution als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft.

Vielen Dank an das Muzej ratnog djetinjstva (War Childhood Museum) in Sarajevo für die Bereitstellung der Bilder.